Dass sich die Massen an Schnee irgendwann in Wasser verwandeln würden war mir klar. Dass ich ernsthaft mit dem Gedanken spielen müsste eine Arche zu bauen, um meine Schützlinge vor der großen Flut zu retten, jedoch nicht ganz.
Auf dem Gelände des Kindergartens kommt an vielen Stellen die eigentliche Landschaft schon wieder zum Vorschein. Felsen, Asphalt und Gras sind zu erkennen und beim Anblick dieser Flächen – ich nenne sie jetzt einfach mal „Inseln“ – durchdringt mich schon die Vorfreude auf die Zeit danach. Doch noch ist es leider nicht so weit. Neben den kleinen Inseln sammeln sich Wassermassen, die riesige Pfützen bilden, die der Definition von Seen schon sehr nahe kommen dürften. Das Wetter tut sein übriges um diese Situation noch möglichst lange aufrecht zu erhalten. Die 5 bis 10°C sind gerade genug um den Schnee zum tauen zu bringen, da sich die Sonne jedoch hinter den Wolken versteckt ist an Verdunstung kaum zu denken.
An Sich könnte mir das ja ziemlich egal sein, würde ich nicht mit Kindern arbeiten, die den größten Spaß daran haben alle möglichen Wasserstellen ausfindig zu machen und diese für die wildesten Spiele zu nutzen. Als wären die Seen auf dem Gelände nicht schon genug, werden auch noch die Abflussrohre der Wasserrinnen genutzt um Flüssigkeit in Eimer zu füllen. In den Pfützen stehen die Kleinen bis zum Knöchel und stapfen, planschen, suhlen darin herum, als gebe es schon morgen kein Wasser mehr auf der Welt.
Ich freue mich ja immer, wenn meine Klienten eine Möglichkeit finden sich selbst zu beschäftigen, ohne, dass ich großartig einbezogen bin. Hier ist jedoch der Haken an der Sache. Heute Morgen helfe ich einem Jungen beim Anziehen und schon nach fünf Minuten kommt er klatschnass wieder in die Garderobe und streckte mit seine Hände entgegen, die umgeben sind von zwei Säcken, deren Gesamtmasse vermutlich nur noch zu 30% aus Stoff besteht. Der Rest ist zweifelsohne Wasser aus einem der oben genannten Planschbecken. Dazu bekommt man dann noch die zuckersüßen Worte „Jeg er våt“ zu hören – „Ich bin nass“. Aha – du bist als nass. Wie kommt es denn zu diesem unglaublichen Umstand? Aber was soll’s, auf eine Diskussion, deren schlagendes Argument von der Gegenseite wohl sowieso aus dem Spaß an der Sache bestehen würde, möchte ich mich jetzt nicht einlassen. Viel mehr sollte ich dankbar sein, dass es „nur“ die Handschuhe sind, die gewechselt werden müssen. Viele der Eltern schaffen es tatsächlich den Transfer zu leisten, bei solch einem Wetter auch Wechselhandschuhe mitzubringen. An dieser Stelle ein dickes Lob!
Wo wir jedoch gerade beim Thema Handschuhe sind möchte ich gerne einen kleinen Exkurs einschieben. Lieber Leser, ich wechsle jetzt in die Du-Form, weil es so direkter und nachdrücklicher wirkt. Solltest Du Kinder im Kindergartenalter haben oder mit dem Gedanken spielen später welche zu bekommen, dann denke doch bitte im Kaufhaus an mich – stellvertretend für alle Erzieherinnen und Erzieher auf der Welt – wenn du vor dem Ständer mit Handschuhen stehst. Nimm dir die folgenden Zeilen zu Herzen: bitte, bitte, bitte, mit viel Zucker oben drauf, kaufe niemals Handschuhe, die nicht mindestens bis zur Hälfte des Unterarmes gehen! [Nochmals zu Wiederholung: NIEMALS!] Mit diesen kleinen, armseligen Säckchen, die gerade einmal das Handgelenk erreichen, wirst auch Du nicht glücklich werden. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit sie über die Hand und unter die Jacke zu bekommen. Zudem halten sie keine halbe Stunde. Fingerhandschuhe für Kinder unter fünf Jahren bekommen von mir einen genau so großen, roten „GEHT GARNICHT“ Stempel. Die einzelnen Finger finden niemals den Weg zum Platz der Bestimmung. Wenn dann die richtigen Fäustlinge gekauft sind dürfen auch gerne die Namensschilder im Inneren beschriftet werden, die haben nämlich ihren Sinn und Zweck. Bitte mit Vor- und Nachnamen!
Inzwischen ist es Mittag und die Worte „Jeg er våt“ sind zum Mantra des Tages geworden. Das Ding ist nur: es geht nicht mehr nur um die Handschuhe. Nein, inzwischen ist das Wasser in die Stiefel gedrungen und hat somit die Wollsocken, die Leggins und die Wollhose erreicht. Wirklich ein ganz großer Spaß, jetzt Ersatzkleidung zu finden. An dieser Stelle hat nämlich die Transferleistung mancher Eltern ihre Grenzen. Warum auch Wechselkleidung bei Tauwetter? Bei den ersten Kandidaten kann man sich noch mit der Fundkiste Abhilfe schaffen. Aber auch die hat ihre Grenzen! Da sind nunmal keine 10 Strumpfhosen drin. Irgendwie findet man dann nach einer guten viertel Stunde auch die meisten Dinge in den Nachbarschränken zum ausleihen und schafft es das Kind wieder nach Draußen zu schicken – Auf Wiedersehen und bis bald, wenn es wieder heißt: „Jeg er våt“.
Aber es gibt aber auch Lichtblicke, wie diese wunderbare gelbe Angelhose, die ein Junge besitzt. Eine Festung, die selbst für diese Unmengen an Wasser uneinnehmbar scheint. Quasi der Fels in der Brandung meiner Verzweiflung, der mir in diesen schweren Tagen Hoffnung schenkt. Die Atmungsaktivität ist vermutlich gleich null aber was soll’s. Es ist so genial wie einfach, die Hose ist einfach direkt mit den Stiefeln verbunden. Mir stellt sich nur die Frage, warum nicht alle anstatt Superschickerosaprinzessinnenoutfits einfach eine solche Hose besitzen. Die Eltern des Jungen möchte ich an dieser stelle Würdigen und ihnen den Orden „zu Ehren der verzweifelten Erzieher“ verleihen. Im nächsten Jahr bekommt den dann der Erfinder dieser Hosen.
Um jetzt keinen falschen Eindruck zu vermitteln, ich verstehe die Kinder, dass ihnen das Spielen mit Wasser großen Spaß macht. Der Eintrag ist auch mit etwas Zynismus versehen, ganz so schlimm mag die Situation ja nicht sein. Dennoch bin ich froh, wenn der Schnee endlich weg ist. Als Schnee kann man das sowieso nicht mehr bezeichnen, eher als große Mengen Schneematsch.

Verfasst von ekornkvisten 


