The Meltdown

April 12, 2010

Dass sich die Massen an Schnee irgendwann in Wasser verwandeln würden war mir klar. Dass ich ernsthaft mit dem Gedanken spielen müsste eine Arche zu bauen, um meine Schützlinge vor der großen Flut zu retten, jedoch nicht ganz.
Auf dem Gelände des Kindergartens kommt an vielen Stellen die eigentliche Landschaft schon wieder zum Vorschein. Felsen, Asphalt und Gras sind zu erkennen und beim Anblick dieser Flächen – ich nenne sie jetzt einfach mal „Inseln“ – durchdringt mich schon die Vorfreude auf die Zeit danach. Doch noch ist es leider nicht so weit. Neben den kleinen Inseln sammeln sich Wassermassen, die riesige Pfützen bilden, die der Definition von Seen schon sehr nahe kommen dürften. Das Wetter tut sein übriges um diese Situation noch möglichst lange aufrecht zu erhalten. Die 5 bis 10°C sind gerade genug um den Schnee zum tauen zu bringen, da sich die Sonne jedoch hinter den Wolken versteckt ist an Verdunstung kaum zu denken.

An Sich könnte mir das ja ziemlich egal sein, würde ich nicht mit Kindern arbeiten, die den größten Spaß daran haben alle möglichen Wasserstellen ausfindig zu machen und diese für die wildesten Spiele zu nutzen. Als wären die Seen auf dem Gelände nicht schon genug, werden auch noch die Abflussrohre der Wasserrinnen genutzt um Flüssigkeit in Eimer zu füllen. In den Pfützen stehen die Kleinen bis zum Knöchel und stapfen, planschen, suhlen darin herum, als gebe es schon morgen kein Wasser mehr auf der Welt.
Ich freue mich ja immer, wenn meine Klienten eine Möglichkeit finden sich selbst zu beschäftigen, ohne, dass ich großartig einbezogen bin. Hier ist jedoch der Haken an der Sache. Heute Morgen helfe ich einem Jungen beim Anziehen und schon nach fünf Minuten kommt er klatschnass wieder in die Garderobe und streckte mit seine Hände entgegen, die umgeben sind von zwei Säcken, deren Gesamtmasse vermutlich nur noch zu 30% aus Stoff besteht. Der Rest ist zweifelsohne Wasser aus einem der oben genannten Planschbecken. Dazu bekommt man dann noch die zuckersüßen Worte „Jeg er våt“ zu hören – „Ich bin nass“. Aha – du bist als nass. Wie kommt es denn zu diesem unglaublichen Umstand? Aber was soll’s, auf eine Diskussion, deren schlagendes Argument von der Gegenseite wohl sowieso aus dem Spaß an der Sache bestehen würde, möchte ich mich jetzt nicht einlassen. Viel mehr sollte ich dankbar sein, dass es „nur“ die Handschuhe sind, die gewechselt werden müssen. Viele der Eltern schaffen es tatsächlich den Transfer zu leisten, bei solch einem Wetter auch Wechselhandschuhe mitzubringen. An dieser Stelle ein dickes Lob!
Wo wir jedoch gerade beim Thema Handschuhe sind möchte ich gerne einen kleinen Exkurs einschieben. Lieber Leser, ich wechsle jetzt in die Du-Form, weil es so direkter und nachdrücklicher wirkt. Solltest Du Kinder im Kindergartenalter haben oder mit dem Gedanken spielen später welche zu bekommen, dann denke doch bitte im Kaufhaus an mich – stellvertretend für alle Erzieherinnen und Erzieher auf der Welt – wenn du vor dem Ständer mit Handschuhen stehst. Nimm dir die folgenden Zeilen zu Herzen: bitte, bitte, bitte, mit viel Zucker oben drauf, kaufe niemals Handschuhe, die nicht mindestens bis zur Hälfte des Unterarmes gehen! [Nochmals zu Wiederholung: NIEMALS!] Mit diesen kleinen, armseligen Säckchen, die gerade einmal das Handgelenk erreichen, wirst auch Du nicht glücklich werden. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit sie über die Hand und unter die Jacke zu bekommen. Zudem halten sie keine halbe Stunde. Fingerhandschuhe für Kinder unter fünf Jahren bekommen von mir einen genau so großen, roten „GEHT GARNICHT“ Stempel. Die einzelnen Finger finden niemals den Weg zum Platz der Bestimmung. Wenn dann die richtigen Fäustlinge gekauft sind dürfen auch gerne die Namensschilder im Inneren beschriftet werden, die haben nämlich ihren Sinn und Zweck. Bitte mit Vor- und Nachnamen!
Inzwischen ist es Mittag und die Worte „Jeg er våt“ sind zum Mantra des Tages geworden. Das Ding ist nur: es geht nicht mehr nur um die Handschuhe. Nein, inzwischen ist das Wasser in die Stiefel gedrungen und hat somit die Wollsocken, die Leggins und die Wollhose erreicht. Wirklich ein ganz großer Spaß, jetzt Ersatzkleidung zu finden. An dieser Stelle hat nämlich die Transferleistung mancher Eltern ihre Grenzen. Warum auch Wechselkleidung bei Tauwetter? Bei den ersten Kandidaten kann man sich noch mit der Fundkiste Abhilfe schaffen. Aber auch die hat ihre Grenzen! Da sind nunmal keine 10 Strumpfhosen drin. Irgendwie findet man dann nach einer guten viertel Stunde auch die meisten Dinge in den Nachbarschränken zum ausleihen und schafft es das Kind wieder nach Draußen zu schicken – Auf Wiedersehen und bis bald, wenn es wieder heißt: „Jeg er våt“.
Aber es gibt aber auch Lichtblicke, wie diese wunderbare gelbe Angelhose, die ein Junge besitzt. Eine Festung, die selbst für diese Unmengen an Wasser uneinnehmbar scheint. Quasi der Fels in der Brandung meiner Verzweiflung, der mir in diesen schweren Tagen Hoffnung schenkt. Die Atmungsaktivität ist vermutlich gleich null aber was soll’s. Es ist so genial wie einfach, die Hose ist einfach direkt mit den Stiefeln verbunden. Mir stellt sich nur die Frage, warum nicht alle anstatt Superschickerosaprinzessinnenoutfits einfach eine solche Hose besitzen. Die Eltern des Jungen möchte ich an dieser stelle Würdigen und ihnen den Orden „zu Ehren der verzweifelten Erzieher“ verleihen. Im nächsten Jahr bekommt den dann der Erfinder dieser Hosen.
Um jetzt keinen falschen Eindruck zu vermitteln, ich verstehe die Kinder, dass ihnen das Spielen mit Wasser großen Spaß macht. Der Eintrag ist auch mit etwas Zynismus versehen, ganz so schlimm mag die Situation ja nicht sein. Dennoch bin ich froh, wenn der Schnee endlich weg ist. Als Schnee kann man das sowieso nicht mehr bezeichnen, eher als große Mengen Schneematsch.


tyske skiver

April 1, 2010

Gestern durfte ich bei der Arbeit wieder mal eine wunderbare Situation erleben. Mit einem Jungen hatte ich vor ein paar Tagen eine kleine Unterhaltung. Es ging wie immer um die verschiedensten Dinge, unter anderem fragte er mich ob ich „tyske skiver“ kennen würde (dt.: deutsche Scheiben). Ich verneinte und wurde belehrt, dass es sich dabei um Weihnachtsplätzchen aus Deutschland handeln würde. An Weihnachten hätte er mit seiner Mutter gebacken und es wäre doch komisch, dass ich, wo ich doch aus dem gleichen Land komme, diese Kekse nicht kenne. Recht hat er!
Wie es oft im Gespräch mit Kindern vorkommt waren wir bald bei einem völlig anderen Thema, in diesem Fall Videospiele und Konsolen, von denen er, wie ich schon länger weiß, ein großer Fan ist. Ich erzählte ihm dann von meiner sehr alten Nintendo ES Konsole, die beinahe so alt ist wie ich. Beeindruckt wollte er wissen, wie diese aussieht und am Ende trafen wir die Abmachung, dass er mir ein Rezept für die deutschen Scheiben zukommen lässt und ich im Gegenzug ein Bild meiner Nintendo ES mitbringen würde.
Gestern war es dann so weit, mit einer Box voller Kekse stand der Junge vor mir und bot mir auch gleich an zu probieren. Den Zettel mit dem Rezept bekam ich dazu, auf dem mit wunderbarer Kinderhandschrift „Til Bernhard“ (für Bernhard) als Überschrift stand.
Seine Mutter meinte dann noch zu mir, dass es ihm enorm wichtig gewesen sei diese Kekse zu backen und mich probieren zu lassen, auch wenn derzeit kein Weihnachten ist. Tja, jetzt bin ich in der Bringschuld mit meinem Bild und hoffe das nach den Osterferien begradigen zu können.
Nevertheless, that really made my day!


Die Jagd nach dem Glück – oder eine Würdigung des Kindseins

März 31, 2010

Ich habe schon seit einiger Zeit nichts mehr geschrieben, passiert ist dennoch vieles. Vor ein paar Wochen waren wir beispielsweise im Theater. „Lykkejakten“ (dt.: “Jagd nach dem Glück“) hieß das Stück, das gespielt wurde.
Die ganze Gruppe machte sich mit den verschiedensten Verkehrsmitteln auf den Weg zum Kino. Ich hatte Glück und durfte die Variante mit dem geringsten Nervenverschleiß in Anspruch nehmen: das Taxi. Schon beim Einsteigen musste ich schmunzeln, als mein Sitznachbar den Fahrer mit den Worten „Hallo Mann“ begrüßte. „Kennt der Mann den Weg überhaupt?“ – einfach, direkt und ohne umschweife wurde dringenden Fragen auf den Grund gegangen. Glücklicherweise kannte er ihn und wir kamen an.
Das Theater war ein wunderbares Erlebnis. Es war alles dabei: schöne Musik, viel Witz, etwas Spannung und Infos über Tiere und andere Länder. Viel interessanter als das Stück waren jedoch die verschiedenen Reaktionen darauf. Der Junge neben mir fürchtete sich immer wieder, er konnte einfach nicht richtig zwischen der Realität und dem Stück unterscheiden. Mit einer extra Portion Zuneigung und ermutigenden Worten blieb aber auch er im Saal, wo andere Teile des Publikums voll und ganz damit beschäftigt waren die Protagonistin bei ihrer Reise zu unterstützen und alles was in ihrer Macht stand für deren Erfolg zu tun. Gute Ratschlägen und Ermahnungen zur Vorsicht wurden ganz ohne Scheu in den Raum gerufen.
Herrlich, wie sehr sich Kinder in eine solche Geschichte hinein versetzen können. Manchmal frage ich mich, in welchem alter wir „Erwachsenen“ diese Phantasie und die Leichtigkeit verlieren, die Kinder in jungen Jahren noch im Überschuss zu haben scheinen. Nicht nur im Theater fiel mir das auf. Auch immer wieder beim Spielen, sei es drinnen mit Autos auf dem Verkehrsteppich oder draußen zwischen Büschen und Steinen. Warum können alle um mich herum Dinge sehen, die für mich unsichtbar zu sein scheinen, an welchem Punkt in meinem Leben sind die Pferde, Piratenschiffe oder Wasserfälle – völlig egal was, es ist ja „nur“ eine Vorstellung – verschwunden? Auch ich kann mich noch daran erinnern, wie ich früher in der Nachbarschaft alle möglichen Landschaften und Dinge sehen konnte. Früher normal, heute leider nicht mehr.
Jetzt aber zurück zum Theater! Natürlich gelang es der Protagonistin am Ende des Stücks das Glück zu finden. Aber nicht nur ihr, auch ich hatte in diesem Moment ein bisschen das Gefühl, das Glück hier im Saal des Kinos gefunden zu haben, inmitten vieler kleiner Zuschauer, die ergriffen von dem Gefühl waren ein Teil der Geschichte zu sein und so viel Freude ausstrahlten, stolz darüber, ihren Teil zum friedlichen Ausgang beigetragen zu haben.
Der Ausflug wurde dann mit einer nicht weniger spaßigen Rückfahrt abgerundet. Auf einer Kindergartentour verhält sich die Konzentration der Gruppe leider immer gegenläufig proportional zur Zeit, was bedeutet, dass der Rückweg auch für uns Begleiter eine ziemliche Geduldprobe darstellt. Die Zeit bis zur Ankunft des Busses wurde mit Bewegungsspielen und Liedern verkürzt, direkt an der Hauptstraße, vor zahlreichen neugierigen Zuschauern. Das war in diesem Moment, nach solch einem Erlebnis aber nicht so schlimm, ganz im Gegenteil. Schön für einen Moment nochmal in ein anderes Alter eintauchen zu können! An diesem Tag konnte ich viel von „meinen“ Kleinen lernen.


Herausforderung Nah- und Fernverkehr

Januar 22, 2010

Es ist nicht so einfach hier in der Finnmark von Punkt A nach Punkt B zu kommen. Schon des Öfteren haben wir und ein Auto gewünscht um einfach mal einen Ausflug in die Natur außerhalb Altas zu unternehmen. Aus diesem Anlass und auf Grund einer aktuellen Erfahrung möchte ich in diesem Eintrag etwas über den Nah- und Fernverkehr in der Finnmark schreiben.
In Norwegen, speziell wohl hier in den nördlichen Regionen, hat das Reisen mit dem Flugzeug einen deutlich höheren Stellenwert als in Deutschland. Es ist als öffentliches Verkehrsmittel wesentlich etablierter, wohl in etwa vergleichbar mit dem Regionalverkehr der Bahn.
Um diese Tatsache ein bisschen besser zu veranschaulichen möchte ich die Flugreise schildern, die meine Mitfreiwillige Tina und ich gestern erlebt haben.
Die Fluggesellschaft, mit der wir fliegen sollten, ist wohl eine der kleinsten Europas und fliegt hauptsächlich innernorwegische Flughäfen an. Unsere Flugroute lautete Tromsø – Hammerfest – Alta – Vadsø. Die Maschine landete also in drei Städten mit einer Einwohnerzahl zwischen 6.000 und 19.000 Personen. Hier in der Finnmark haben viele Gemeinden ihren eigenen Flughafen, auch wenn sie noch so klein sind. Auch dies unterstreicht nochmals den wesentlich höheren Stellenwert, den das Flugzeug als öffentliches Verkehrsmittel hier genießt.
Die Maschine, die uns nach Hause bringen sollte, war dann von den Ausmaßen eher zurückhaltend: ein Propellerflugzeug der Dash-8 Serie, das ungefähr 40 Personen fasst und im ersten Moment nicht gerade zweckdienlich wirkte.
Die Distanzen zwischen den einzelnen Flughäfen waren meiner Meinung nach für Flugreisen vollkommen unangemessen. Soll heißen: kaum war man wirklich auf Flughöhe ging man schon wieder in den Sinkflug. Die Strecke zwischen Hammerfest und Alta dauerte sogar nur etwas mehr als eine viertel Stunde.
In Alta angekommen standen wir dann am Gepäckausgabeband. Es kamen genau zwei Rucksäcke, nämlich die unseren. Was Mitteleuropäern als unangemessen erscheint ist für die Menschen hier normal.
Ich persönlich würde mir wünschen hier eine etwas besser ausgebaute Infrastruktur vorzufinden. Neben dem Flugzeug stehen nur Busse und das Hurtigbåt zur Verfügung. Bei beiden Verkehrsmitteln sind die Anfahrtsziele begrenzt und man kommt nur in andere Städte, nicht aber in die Natur.


Zwei Monate

November 23, 2009

Mein erster Tag im Furuly Barnehage: Ich gehe von Kind zu Kind, frage nach Namen und versuche, einigermaßen verzweifelt, mir diese einzuprägen. Es gelingt mir nicht einmal, die Namen meiner zukünftigen Kolleginnen zu erfassen. Wie soll das dann erst mit den ca. 30 Kindern gehen? Nur wenige kommen auf mich zu, ich versuche zwar mit den Kindern zu spielen, aber sie scheinen sogar Angst vor dem neuen Freiwilligen zu haben, der kaum ein Wort Norwegisch kann. Ein Kind fällt mir ganz besonders auf. Egal wie ich versuche Kontakt mit ihm aufzunehmen, er schaut mich immer nur böse an und redet kein einziges Wort. Er ist zwei Jahre alt, einer der Jüngsten in meiner Gruppe.
Die lauten und „mutigen“ Jungs sind die ersten, die mich akzeptieren, mit mir Fußball spielen und meinen Namen lernen. Inzwischen sind es die Kinder, die mir die Arbeit am schwersten machen, weil man ihnen sehr oft, sehr genau die Regeln klar machen muss.
Nach acht Stunden bin ich froh, diesen ersten Tag hinter mir zu haben.

Ein Arbeitstag nach zwei Monaten im Furuly Barnehage: ich komme in den großen Aufenthaltsraum des Kindergartens. Es ist ein wunderbares Gefühl wenn man zunächst ca. zehn Mal mit Namen begrüßt wird: “Heia Barnad“, wie ich von den meisten Kindern genannt werde, schallt mir aus verschiedenen Richtungen entgegen. Ich setze mich an den Lego-Tisch und werde gebeten einen Lastwagen zu bauen. Nein, doch lieber ein Haus, aber bitte in blau und schön groß! Das nächste Kind braucht dann natürlich unbedingt genau das gleiche Haus, nur leider fehlen mir dazu die nötigen Teile. Was tun? Schnell eine Alternative anbieten, vielleicht ein Flieger oder ein Rennauto? Die Kinder freuen sich und ich mich mit ihnen!
Die anderen Kinder sind inzwischen größtenteils fertig mit Frühstücken. Wer noch nicht gegessen hat wird davon überzeugt, dass es sehr wichtig ist jetzt noch eine Scheibe Brot zu essen, da es noch lange dauert bis es lunsj gibt.
Danach heißt es für mich: Tisch abräumen und die Vesperboxen aufräumen. Durch die vielen verschiedenen Motive auf den Boxen ist es kein Problem diese zuzuordnen. Man weiß ja schließlich, wer hier auf Kaptein Sabeltann oder auf Hello Kitty steht und wessen Held Spiderman ist. Die Schachteln kann ich bereits fast blind in die Körbe der Eichhörnchen- bzw. der Bärengruppe legen. Danach noch schnell fegen und die Spülmaschine einräumen. Die Kinder sitzen am Tisch, malen, reden…
„Vi skal går ut nå!“ Jetzt geht es nach draußen, auch wenn die Gruppe meistens keine große Motivation hat. Zuerst die großen, die keine Aufsicht brauchen. Jeans ausziehen, „wo ist deine Wollhose?“ irgendwo in den Tiefen des Rucksacks kommt sie mit ein bisschen Glück zum Vorschein. Als nächstes den Wollpullover aus dem Korb ziehen. Halstuch. Schnell in die andere Garderobe, wo der Ganzkörperanzug und die Stiefel warten. Handschuhe und Mütze sind irgendwo auf dem Weg verloren gegangen oder befinden sich noch im Trockenraum. Auch hier weiß ich inzwischen welches Paar zu wem gehört und wer welche Mütze hat. Probleme mit den Namen liegen schon lange hinter mir. Der kleine Junge, der mich am Anfang nur böse angeblickt hat ist als nächstes dran. Er ist müde und kurz vor einer Krise. Aber ich versuche ihn doch irgendwie davon zu überzeugen mit nach draußen zu kommen, reiche ihm meine Hand und er ergreift sie. Im kleinen Waldstück unterhalb des Kindergartens sitzen wir am Feuer. Er beginnt zu weinen, er setzt sich auf meinen Schoß, ich nehme ihn in den Arm, das Weinen und Schluchzen nimmt ein Ende und er schläft ein, in meinen Armen! Ich soll ihn zurück in den Kindergarten tragen, in den Schlafraum. Nachdem die ganze Kleidung wieder ausgezogen ist, lege ich ihn auf seine Matratze und setze mich neben ihm auf den Boden. In der Dunkelheit warte ich darauf, dass er wieder schläft. Später werden wir noch gemeinsam am Tisch sitzen und er wird mich mit seinen großen Augen nach seiner Wasserflasche, der mit dem kleinen Bären im Matrosenanzug, fragen. Wir singen gemeinsam das Lied „Noen har mat“, mit dem hier das Essen begonnen wird und ich streiche ihm die Brote mit Gomme, die er sich am Kühlschrank ausgesucht hat. Ich blicke ihn an und sehe keine zusammengezogenen Augenbrauen, kein böse dreinblickendes Kind, sondern einfach nur das Lächeln des kleinen Jungen – mir wird klar, was diese zwei Monate bewirkt haben.


zu Besuch bei den Blaubeeren

November 22, 2009

Letzte Woche wurde ich gefragt, ob ich nicht Lust hätte für einen Nachmittag in der Blåbærtua auszuhelfen, neben der Konglestua die Gruppe für die kleineren Kinder zwischen ein und zwei Jahren. Hier habe ich mit viel weniger Kindern gearbeitet, da die Gruppe nur acht Mitglieder hat. Erstaunlicherweise ging es aber viel schneller, eine Vertrauensbasis aufzubauen, als in meinen ersten Tagen mit den älteren Kindern.
Kommunikation war jedoch kaum möglich, da die Kinder noch nicht viel sprechen können und ich das was sie sagten kaum verstanden habe. Hier scheinen Mimik und Gestik eine Art Ersatzsprache zu sein. Die Gruppe hat im Vergleich zu den anderen viel weniger Platz und auch weniger Möglichkeiten für Aktivitäten.
In der Lebensfreude stehen die jüngeren Kinder den Älteren aber in nichts nach. Auch hier wird gesprungen und getanzt, Duplo gebaut und gepuzzelt.
Beim Ansehen eines Bilderbuches mit verschiedenen Tieren habe ich dann völlig neue Ausdrücke gelernt und meinen Norwegisch-Horizont wieder ein Stück erweitert. Ein Schaf heißt zum Beispiel „Bæ Bæ“ und ein Huhn „Kikeku“. Das lernt man in keinem Sprachkurs und man kann es auch in keinem Wörterbuch nachschlagen – nein, das lernt man nur im Kontakt mit einjährigen Kindern.
Ein schönes Gefühl, zu wissen, dass einige der ganz Jungen nach nur einem Tag meinen Namen gelernt hatten, am nächsten Morgen war ich nochmals zu einem kurzen Besuch bei der Gruppe und wurde sogar noch mit Namen angesprochen. Eine tolle und interessante Abwechslung zu meiner alltäglichen Arbeit hier.


home sweet home

Oktober 24, 2009

Aus gegebenem Anlass möchte ich mich in diesem Artikel einmal ganz meiner neuen Wohnung widmen. Trotz der ein oder anderen Macke bin ich doch recht zufrieden damit. Fest steht jedenfalls, dass sie für eine Person wirklich groß ist und viel Platz bietet, so dass man problemlos auch für längere Zeit Besuch(er) empfangen kann. Insgesamt stehen mir ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, Küche und Bad und ein Waschraum zur Verfügung.
Ich befinde mich im Erdgeschoss eines Hauses, das nahe am Altafjord und direkt neben dem Hauptgebäude Betanias, dem Träger meines Projektes, liegt. Auch ansonsten ist die Lage meiner Wohnung sehr gut. Die nächste Einkaufsmöglichkeit ist kaum zwei Minuten entfernt und darüber hinaus gibt es noch zwei weitere Supermärkte und einen Kiosk in direkter Umgebung.
Jetzt aber zur Wohnung an Sich: das Interieur stammt wohl aus dem Fundus Betanias und ist schon einige Jahre alt. Die Möbel haben aber einen ganz eigenen Charme und geben der Wohnung einen gewissen Retro-Touch. Die Wände sind allerdings immer noch schrecklich weiß und leer, was ich jetzt in der nächsten Zeit unbedingt in Angriff nehmen und ändern möchte!
Vorgestern stand ich dann vor einem völlig anderen Problem. Nach dem Aufstehen und beim morgendlichen Gang ins Bad fiel mir ein komisches Geräusch auf, das von einem leck im Rohrsystem des Hauses stammte. Im Flur meiner Wohnung tropfte es von der Decke, an der sich auch schon ein ordentlicher Wasserfleck gebildet hatte. Ich begann gleich mit den ersten Maßnahmen um den Schaden etwas zu begrenzen: Eimer unterstellen und Wasser aufwischen. Der sehr nette Hausmeister hatte sich schon bei meiner Rückkehr von der Arbeit um den Wasserschaden gekümmert und einen Heizlüfter aufgestellt, der die Decke trocknen sollte. Jetzt fehlt zwar eine Deckenplatte aber ansonsten ist wieder alles behoben.
Trotzdem hoffe ich, dass mir solche Erfahrungen im restlichen Jahr erspart bleiben werden.

Loch in der Decke

Was kann man sonst noch zu meiner Wohnung sagen? Ich habe einen Fernseher mit einem Sender, der auch englische Serien zeigt. Bisher habe ich ihn aber kaum genutzt. Ich habe viele Möglichkeiten Dinge aufzustellen, die mir jedoch nicht zur Verfügung stehen und meine Küche ist sehr spärlich ausgestattet, was ich auch in nächster Zeit in Angriff nehmen möchte.
Ich fühle mich aber wohl und bin nach wie vor davon überzeugt, dass eine Wohnung wie diese für einen Freiwilligen wie mich nicht selbstverständlich ist.


Übernachtungstour, richtige Kleidung und Hjemmeluft – es ist viel passiert

Oktober 18, 2009

In der letzten Woche hatte ich die Möglichkeit mit der Dinosauriergruppe, also den ältesten Kindern, auf Übernachtungstour zu gehen. Schon bei der Einladung freute ich mich auf diese Fahrt, hinaus aus der Stadt, zu einer Hütte von Betania. Aber dazu später mehr.
Gerade sitze ich hier um viertel vor 4 bei einer Tasse Tee mit Blick auf Fjord und schneebedeckte Berge, die man trotz der Dunkelheit noch erkennen kann. Die Dämmerung beginnt bereits wenn ich mit der Arbeit im Kindergarten aufhöre, also gegen 15.30 Uhr. Jeden Tag scheint weniger Sonne und man merkt, dass es auf die Mørketid zugeht – die Zeit der langen Dunkelheit.
Entsprechend stand bei mir im Kindergarten in der letzten Woche das Thema Sicherheit im Verkehr auf dem Programm. Zudem gab es einen Feueralarm, zwar nur eine Übung aber für die Kinder war es natürlich ein Erlebnis! Froh, dass alle überlebt hatten und wieder etwas beruhigt ging es dann zurück in den Kindergarten um einen kurzen Vortrag von der Polizei zum Thema Reflektoren und Sicherheit im Verkehr. „Kjøre forsiktig plis! For Barna“, einen Reflektor mit dieser Aufschrift erhielt dann jeder um ihn an der Jacke oder am Rucksack zu befestigen.
Als nächstes ging es für mich in die Stadt um meine Arbeitskleidung zu beschaffen. So habe ich auch gelernt, wie man sich im Winter der Finnmark richtig ankleidet: lange Wollunterwäsche, darüber eine Thermohose, ein Pullover, nochmals ein Wollpullover und darüber eine dicke Winterjacke. Handschuhe, am besten ein Paar aus Wolle und ein weiteres um vor dem Wind zu schützen, Schal und Mütze. Ebenfalls zwei Paar Socken und warme Schuhe, so eingepackt friert man selbst bei den eisigen Temperaturen hier nicht. Momentan ist es aber recht angenehm, bei Temperaturen zwischen 5 und 10 Grad kann man problemlos vor die Tür gehen.
Dann begann endlich die Tour mit der Fahrt zur Hütte, die im Wald, direkt an einem See liegt, der bereits von einer dicken Eisschicht bedeckt war. 10 Kinder begleitet von Sissel, Silje und mir, ein Bus und jede Menge Gepäck. Auf der Suche nach Tierspuren stießen wir dann auf Elgbæsj und einen Fuchsbau. In der Dunkelheit ging es dann nochmals bewaffnet mit Taschenlampen für eine Nachtwanderung in den Wald. Die lange Zeit gemeinsam mit den Kindern war wiederum sehr lehrreich und half mir dabei jeden einzelnen nochmal etwas besser kennen zu lernen.

Gestern waren ich und Tina, meine Mitfreiwillige hier in Alta, dann auf einer kleinen Wanderung auf den Hausberg Altas, den Hjemmeluft. Bei wunderbarem Sonnenschein und einem tollen Licht auf die Umgebung Altas hatten wir hier die Möglichkeit unser neues zu Hause von einer völlig neuen Seite zu sehen. Insgesamt war es eine sehr schöne Tour!

Alta vom Hjemmeloft gesehen

Berge um Alta


Erste Tour

Oktober 7, 2009

Heute durfte ich zum ersten Mal mit auf Tour und ich muss sagen, dass es eines der schönsten Erlebnisse in dieser „zweiten Kindergartenzeit meines Lebens“ war. Es ging mit einem Kleinbus hinaus aus Alta, das ich ja nun auch schon länger nicht verlassen habe. Nach ca. 20min Fahrt kamen wir dann beim Haus einer Kollegin an, traumhaft am Fjord gelegen, mit eigenem Steg. Aber auch hier wurde mir wieder klar, wie groß die Wege sind, die viele Bewohner der Finnmark zurücklegen müssen um einfach nur etwas einzukaufen oder zur Arbeit zu gelangen. In der Näheren Umgebung gab es nur wenige Häuser, dafür aber viel Natur.

Mit den Kindern haben wir dann Seesterne und Krebse aus dem Fjord geholt und angeschaut, was auch für mich ein Erlebnis war, da ich noch keine Exemplare von dieser Größe gesehen hatte. Natürlich kamen sie dann wieder zurück ins Wasser und bei uns ging es weiter mit einer der vielen Malzeiten, die es hier gibt – ich muss zugeben, dass ich das noch nicht ganz verstanden habe. Die norwegische Spezialität tørrfisk konnte ich auf Grund meines Vegetarier-Daseins nicht probieren. Um ehrlich zu sein misse ich diese Erfahrung aber nicht so sehr. Es handelt sich dabei um einen sehr harten Fisch, der inzwischen eine Farbe zwischen Gelb und Ocker angenommen hat und vor dem Essen mit einem Hammer weich geklopft werden muss. Die Härte und Farbe hat der Fisch durch seine zwei bis dreimonatige Trockenzeit. Entsprechend riecht er auch sehr stark aber nicht unbedingt unangenehm, einfach nach Meer.
Danach dann Aufwärmen am Feuer, was wirklich nötig war! Leider war die Tour dann schon zu Ende und es ging zurück in den Furuly Barnehage. Dort dann wieder die üblichen Aktivitäten mit den Kindern, bei denen ich mir schon ab und zu wünsche, ich hätte eine Ausbildung für den Beruf gehabt, den ich hier ausüben soll. Aber alles in allem läuft es gut und macht Spaß, wenn ich nicht gerade zum fünften Mal erklären muss, warum man zu zweit und nicht alleine auf der Reifenschaukel sitzen soll. Im Sandkasten kann ich jetzt auch nicht mehr spielen, der ist inzwischen eingefroren, genau wie die Straßen und Radwege. Es gibt viel Glatteis und die Spikes an den Autoreifen, die es zum Glück auch für Fahrräder gibt, müssen jetzt ihren Zweck erfüllen. Der erste Schnee ist auch schon liegen geblieben, allerdings nur an einigen Stellen, noch nicht wirklich deckend.


Kälte

Oktober 1, 2009

Heute Morgen konnte ich beim Weg zur Arbeit viele mit Schnee bedeckte Berggipfel bewundern. Ansonsten ist das Wetter nicht sehr verlockend. Viel grau, Regen, Wind…Schnee liegt schon unter 200m, wir warten auf die ersten Flocken und auf den Tag, an dem wir unsere Ski an die Füße schnallen können. Bin schon gespannt auf diese Erfahrung!

Mit den Kindern war ich heute Blätter sammeln, die jetzt gepresst werden und später zu Bildern verarbeitet werden sollen.


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